Luftaufnahme Insel Riems mit Friedrich-Loeffler-Institut
Nachbarinsel · BSL-4 Hochsicherheit

Die Insel Riems
Die Insel, die es nicht gab

Heimat des Friedrich-Loeffler-Instituts seit 1910 — für die Öffentlichkeit gesperrt, für DDR-Karten unsichtbar, für die Wissenschaft unverzichtbar.

Auf einen Blick
Greifswalder Bodden
Lage
gesperrt
für Öffentlichkeit
1910
FLI gegründet
BSL-4
Höchste Sicherheitsstufe
14 ha
Fläche
Tour U + SZ
Sichtbar bei unseren Flügen
Impressionen
Faszinierende Geschichten
🔬 Friedrich Loefflers riskantes Experiment (1910)
Im Jahr 1898 bewiesen Friedrich Loeffler und Paul Frosch, dass die Maul- und Klauenseuche (MKS), eine verheerende Rinderkrankheit, durch ein Virus verursacht wird – ein Meilenstein der Virologie. Loefflers Ziel war es, diesen hochansteckenden Erreger sicher zu erforschen, um die Landwirtschaft zu schützen. Die Insel Riems im Greifswalder Bodden war ideal: abgelegen, von Wasser umgeben und nahezu unzugänglich, minimierte sie das Risiko einer Virusausbreitung. 1910 begann Loeffler dort sein riskantes Experiment, das die Grundlage für das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) legte.

Die Arbeit mit dem MKS-Virus war gefährlich. Ohne moderne Hochsicherheitslabore oder Biosicherheitsstandards waren die provisörischen Labore auf Riems rudimentär. Ein Ausbruch hätte die Viehbestände der Region vernichten und die Landwirtschaft in eine Krise stürzen können. Dennoch isolierte Loeffler das Virus, untersuchte seine Übertragungswege und legte den Grundstein für MKS-Impfstoffe, die in den 1930er Jahren entwickelt wurden. Sein Erfolg etablierte Riems als Zentrum der Virusforschung und revolutionierte die Veterinärmedizin.

Die Abgeschiedenheit von Riems war Fluch und Segen. Der Transport von Material, Tieren und Personal war schwierig, oft nur per Boot möglich. Doch diese Isolation war entscheidend, um die Sicherheit zu gewährleisten. Loefflers Team arbeitete unter primitiven Bedingungen, mit begrenztem Zugang zu moderner Technik, doch ihre Präzision und Entschlossenheit führten zu bahnbrechenden Erkenntnissen. Das FLI bleibt ein Vermächtnis von Loefflers Mut und Weitsicht.
☣ Die Nazi-Biowaffen auf Riems (1939–1945)
Im Herbst 1942 pflu¨gte ein kleines Boot durch die Dunkelheit des Greifswalder Boddens. An Bord: Erich Traub, ein ehrgeiziger Virologe, dessen Name bald untrennbar mit der Insel Riems verbunden sein sollte. Die Insel, seit 1910 Heimat des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI), war ein Ort, der von der Welt abgeschnitten schien – perfekt, um gefährliche Experimente fern von neugierigen Blicken durchzuführen.

Zwischen 1939 und 1945 war die Insel Riems ein Zentrum der NS-Biowaffenforschung. Unter Leitung von Otto Waldmann, ab 1943 Heinrich Himmler unterstellt, entwickelten Forscher wie Erich Traub Kampfstoffe aus dem Maul- und Klauenseuchen (MKS)-Virus, um feindliche Viehbestände zu vernichten. Ab 1942 als „Reichsforschungsanstalt“ bezeichnet, testete das FLI Aerosol-Verbreitung, und 1943 wurde ein Kampfstoff im Peipussee erprobt. Trotz Hitlers Verbot biologischer Waffen trieb Himmler die Forschung voran.

Die Universität Greifswald war involviert; Professoren arbeiteten in der „Arbeitsgemeinschaft Blitzableiter“ unter SS-Gruppenführer Kurt Blome. Die Forschung, Teil eines Systems mit KZ-Menschenversuchen, verstieß gegen das Genfer Protokoll von 1925, wurde aber als „defensiv“ deklariert. Riems produzierte den einzigen einsatzfähigen deutschen Biokampfstoff, der nie eingesetzt wurde. Am Kriegsende 1945 wurden Teile der FLI-Ausstattung gesprengt, um Beweise zu vernichten.
🕵 Stasi-Überwachung und die „unsichtbare Insel“
In der DDR-Zeit (1949–1990) war die Insel Riems, Standort des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI), ein abgeschottetes Zentrum der Tierseuchenforschung. Für die Öffentlichkeit war Riems eine „Insel, die es nicht gab“: Offizielle Karten zeigten nur leeres Meer, um die strategische Bedeutung des FLI zu verschleiern. Die Isolation der Insel, nur per Fähre erreichbar, machte sie ideal für die Kontrolle durch die Stasi.

Jeder Wissenschaftler auf Riems stand unter strenger Stasi-Überwachung. Post wurde zensiert, Besuche verboten, und Familien durften nur unter Aufsicht einreisen, um den Abfluss von Forschungsergebnissen in den Westen zu verhindern. Kontakte zu westlichen Wissenschaftlern galten als Spionageverdacht. Zersetzungsmaßnahmen wie Gerüchte oder berufliche Sabotage sicherten Loyalität.

Ein Schlüsselmoment war 1961 die Flucht eines Laborleiters in den Westen. Diese Entkommen löste Panik in der DDR-Führung aus, da sensible MKS-Forschung gefährdet schien. Neue Sicherheitszäune wurden errichtet, die Insel militarisiert und Zugangskontrollen verschärft. Bis 1989 blieb Riems ein Ort des Misstrauens, wo Forschung und Staatssicherheit verschmolzen. Mit dem DDR-Zusammenbruch 1989/90 wurden viele Stasi-Akten vernichtet, was die Aufarbeitung erschwert.
🚨 Der geheimnisvolle Laborunfall von 1972
Im Oktober 1972 erschütterte ein schwerwiegender Laborunfall das FLI auf Riems. Augenzeugen berichteten von plötzlich aktivierten Alarmkreisen, hastigen Evakuierungen und einem ungewöhnlich starken Sicherheitsaufgebot der Volkspolizei. Was genau an diesem Herbsttag geschah, bleibt bis heute teilweise ungeklärt – doch die Indizien deuten auf einen der schwerwiegendsten Laborunfälle in der Geschichte der DDR.

Offizielle Stellen sprachen damals von einem „geringfügigen technischen Störfall“. Intern jedoch herrschte höchste Alarmbereitschaft. Mehrere Quellen berichten von einer massiven Dekontaminationsaktion: Spezialteams in Schutzanzügen sollen tagelang Gebäude gereinigt haben, während tonnenweise Material in speziellen Verbrennungsöfen vernichtet wurde. Besonders beunruhigend: Ein ganzes Stallgebäude mit Versuchstieren wurde über Nacht geleert – die Tiere verschwanden spurlos.

Ein ehemaliger Techniker, der anonym bleiben wollte, beschrieb Jahre später erschreckende Details: „Die Luftschleusen hatten versagt. Wir wussten nicht genau, was entkommen war, also wurde alles abgeriegelt.“ Die Stasi-Akten des Ministeriums für Staatssicherheit zu diesem Vorfall bleiben bis heute unter Verschluss. Sicher ist nur, dass in den folgenden Jahren die Sicherheitsvorkehrungen massiv verschärft wurden.
🙌 Riems und die Vogelgrippe (2006)
Als 2006 der aggressive Vogelgrippe-Stamm H5N1 von Asien nach Europa übersprang, rückte das Friedrich-Loeffler-Institut auf Riems schlagartig ins Zentrum der globalen Seuchenbekämpfung. In den Hochsicherheitslaboren der Stufe BSL-4 untersuchten Wissenschaftler rund um die Uhr Proben verendeter Wildvögel von Rügen bis zum Bodensee. Die Insel verwandelte sich in eine Art „virologischen Kriegsraum“ – mit Sicherheitsvorkehrungen, die selbst erfahrene Forscher beeindruckten.

Jede Probe durchlief ein ausgeklügeltes Sicherheitssystem: Nach der Anlieferung per Spezialkurier in dreifach verschweißten Behältern wurde das Material in Druckkammern dekontaminiert, bevor es in hermetisch abgeriegelten Gloveboxen analysiert wurde. Besonders brisant: Die Forscher arbeiteten mit lebenden Viren, um Impfstoffe zu testen.

Parallel entbrannte eine politische Debatte: Tierschützer warnten vor den Risiken der Hochsicherheitsforschung, während Behörden die Insel als „Bollwerk gegen die Pandemie“ feierten. Medien berichteten täglich aus Greifswald – doch Riems selbst blieb eine verbotene Zone. Die Krise offenbarte Riems' Doppelrolle als wissenschaftliches Leuchtturmprojekt und potenzielles Risikogebiet.
💀 Die vergessene Insel der Toten
Im 18. und 19. Jahrhundert war die Insel Riems im Greifswalder Bodden ein gefürchteter Ort für Seefahrer. Die tückischen Untiefen ließen Schiffe stranden, und ertrunkene Seeleute wurden an den Strand gespült. Seefahrer fürchteten die Untiefen rund um die Insel, wo immer wieder Schiffe strandeten. Im 18. und 19. Jahrhundert diente Riems als notdürftiger Friedhof für ertrunkene Seeleute.

Bei Bauarbeiten für die ersten Forschungsstationen in den 1920er Jahren machten Arbeiter eine makabere Entdeckung: Unter den Dünen fanden sie menschliche Gebeine und rostige Schiffsteile. Lokale Archive belegen, dass mindestens zwölf namenlose Fischer hier in einfachen Gräbern bestattet wurden. Ein besonders grausiger Fund: Ein Skelett mit noch erhaltenen Stiefeln, in dem Archäologen später Überreste eines schwedischen Marinesoldaten aus dem Großen Nordischen Krieg (1700–1721) identifizierten.

Die DDR-Behörden ließen diese Funde 1968 systematisch dokumentieren – nur um sie dann zu versiegeln. Heute erinnert ein unscheinbares Metallkreuz an der Nordspitze der Insel an diese Vergangenheit. Unter den modernen Laborgebäuden vermuten Historiker noch immer unentdeckte Gräber.

Quellen: Kliewe, H. (1965), FLI-Archiv, NDR-Dokumentation „Geheimnis Insel Riems“ (2018), MDR-Dokumentation „Die Insel der Seuchenjäger“ (2019), BStU-Archiv, FLI-Jahresbericht 2006/07, Schifffahrtsprotokolle Greifswalder Stadtarchiv (1780–1850).

Insel Riems aus der Luft

Sichtbar bei Tour U (Usedom) und Tour SZ (Stettin) — April bis Oktober ab Heliport Rügen.

Die Quellen umfassen wissenschaftliche Literatur wie Kliewe, H. (1965): 'Die militärbiologische Forschung in Deutschland 1923-1945', Archivdokumente des Friedrich-Loeffler-Instituts zur Institutsgeschichte, Zeitzeugeninterviews aus der NDR-Dokumentation 'Geheimnis Insel Riems' (2018), mündliche Berichte aus der MDR-Dokumentation 'Die Insel der Seuchenjäger' (2019), Interviews mit ehemaligen Mitarbeitern im FLI-Archiv, indirekte Hinweise in Stasi-Unterlagen (BStU), der FLI-Jahresbericht 2006/07, die ZDF-Dokumentation 'Virus-Alarm auf Riems' (2007), Aussagen von FLI-Präsident Prof. Thomas Mettenleiter, Schifffahrtsprotokolle des Greifswalder Stadtarchivs (1780-1850), den Grabungsbericht der DDR-Archäologen von 1968 (BStU-Archiv), sowie mündliche Überlieferungen von Fischern aus Lubmin (aufgezeichnet 2005).“