Die Insel Riems —
Die Insel, die es nicht gab
Heimat des Friedrich-Loeffler-Instituts seit 1910 — für die Öffentlichkeit gesperrt, für DDR-Karten unsichtbar, für die Wissenschaft unverzichtbar.






🔬 Friedrich Loefflers riskantes Experiment (1910)
Die Arbeit mit dem MKS-Virus war gefährlich. Ohne moderne Hochsicherheitslabore oder Biosicherheitsstandards waren die provisörischen Labore auf Riems rudimentär. Ein Ausbruch hätte die Viehbestände der Region vernichten und die Landwirtschaft in eine Krise stürzen können. Dennoch isolierte Loeffler das Virus, untersuchte seine Übertragungswege und legte den Grundstein für MKS-Impfstoffe, die in den 1930er Jahren entwickelt wurden. Sein Erfolg etablierte Riems als Zentrum der Virusforschung und revolutionierte die Veterinärmedizin.
Die Abgeschiedenheit von Riems war Fluch und Segen. Der Transport von Material, Tieren und Personal war schwierig, oft nur per Boot möglich. Doch diese Isolation war entscheidend, um die Sicherheit zu gewährleisten. Loefflers Team arbeitete unter primitiven Bedingungen, mit begrenztem Zugang zu moderner Technik, doch ihre Präzision und Entschlossenheit führten zu bahnbrechenden Erkenntnissen. Das FLI bleibt ein Vermächtnis von Loefflers Mut und Weitsicht.
☣ Die Nazi-Biowaffen auf Riems (1939–1945)
Zwischen 1939 und 1945 war die Insel Riems ein Zentrum der NS-Biowaffenforschung. Unter Leitung von Otto Waldmann, ab 1943 Heinrich Himmler unterstellt, entwickelten Forscher wie Erich Traub Kampfstoffe aus dem Maul- und Klauenseuchen (MKS)-Virus, um feindliche Viehbestände zu vernichten. Ab 1942 als „Reichsforschungsanstalt“ bezeichnet, testete das FLI Aerosol-Verbreitung, und 1943 wurde ein Kampfstoff im Peipussee erprobt. Trotz Hitlers Verbot biologischer Waffen trieb Himmler die Forschung voran.
Die Universität Greifswald war involviert; Professoren arbeiteten in der „Arbeitsgemeinschaft Blitzableiter“ unter SS-Gruppenführer Kurt Blome. Die Forschung, Teil eines Systems mit KZ-Menschenversuchen, verstieß gegen das Genfer Protokoll von 1925, wurde aber als „defensiv“ deklariert. Riems produzierte den einzigen einsatzfähigen deutschen Biokampfstoff, der nie eingesetzt wurde. Am Kriegsende 1945 wurden Teile der FLI-Ausstattung gesprengt, um Beweise zu vernichten.
🕵 Stasi-Überwachung und die „unsichtbare Insel“
Jeder Wissenschaftler auf Riems stand unter strenger Stasi-Überwachung. Post wurde zensiert, Besuche verboten, und Familien durften nur unter Aufsicht einreisen, um den Abfluss von Forschungsergebnissen in den Westen zu verhindern. Kontakte zu westlichen Wissenschaftlern galten als Spionageverdacht. Zersetzungsmaßnahmen wie Gerüchte oder berufliche Sabotage sicherten Loyalität.
Ein Schlüsselmoment war 1961 die Flucht eines Laborleiters in den Westen. Diese Entkommen löste Panik in der DDR-Führung aus, da sensible MKS-Forschung gefährdet schien. Neue Sicherheitszäune wurden errichtet, die Insel militarisiert und Zugangskontrollen verschärft. Bis 1989 blieb Riems ein Ort des Misstrauens, wo Forschung und Staatssicherheit verschmolzen. Mit dem DDR-Zusammenbruch 1989/90 wurden viele Stasi-Akten vernichtet, was die Aufarbeitung erschwert.
🚨 Der geheimnisvolle Laborunfall von 1972
Offizielle Stellen sprachen damals von einem „geringfügigen technischen Störfall“. Intern jedoch herrschte höchste Alarmbereitschaft. Mehrere Quellen berichten von einer massiven Dekontaminationsaktion: Spezialteams in Schutzanzügen sollen tagelang Gebäude gereinigt haben, während tonnenweise Material in speziellen Verbrennungsöfen vernichtet wurde. Besonders beunruhigend: Ein ganzes Stallgebäude mit Versuchstieren wurde über Nacht geleert – die Tiere verschwanden spurlos.
Ein ehemaliger Techniker, der anonym bleiben wollte, beschrieb Jahre später erschreckende Details: „Die Luftschleusen hatten versagt. Wir wussten nicht genau, was entkommen war, also wurde alles abgeriegelt.“ Die Stasi-Akten des Ministeriums für Staatssicherheit zu diesem Vorfall bleiben bis heute unter Verschluss. Sicher ist nur, dass in den folgenden Jahren die Sicherheitsvorkehrungen massiv verschärft wurden.
🙌 Riems und die Vogelgrippe (2006)
Jede Probe durchlief ein ausgeklügeltes Sicherheitssystem: Nach der Anlieferung per Spezialkurier in dreifach verschweißten Behältern wurde das Material in Druckkammern dekontaminiert, bevor es in hermetisch abgeriegelten Gloveboxen analysiert wurde. Besonders brisant: Die Forscher arbeiteten mit lebenden Viren, um Impfstoffe zu testen.
Parallel entbrannte eine politische Debatte: Tierschützer warnten vor den Risiken der Hochsicherheitsforschung, während Behörden die Insel als „Bollwerk gegen die Pandemie“ feierten. Medien berichteten täglich aus Greifswald – doch Riems selbst blieb eine verbotene Zone. Die Krise offenbarte Riems' Doppelrolle als wissenschaftliches Leuchtturmprojekt und potenzielles Risikogebiet.
💀 Die vergessene Insel der Toten
Bei Bauarbeiten für die ersten Forschungsstationen in den 1920er Jahren machten Arbeiter eine makabere Entdeckung: Unter den Dünen fanden sie menschliche Gebeine und rostige Schiffsteile. Lokale Archive belegen, dass mindestens zwölf namenlose Fischer hier in einfachen Gräbern bestattet wurden. Ein besonders grausiger Fund: Ein Skelett mit noch erhaltenen Stiefeln, in dem Archäologen später Überreste eines schwedischen Marinesoldaten aus dem Großen Nordischen Krieg (1700–1721) identifizierten.
Die DDR-Behörden ließen diese Funde 1968 systematisch dokumentieren – nur um sie dann zu versiegeln. Heute erinnert ein unscheinbares Metallkreuz an der Nordspitze der Insel an diese Vergangenheit. Unter den modernen Laborgebäuden vermuten Historiker noch immer unentdeckte Gräber.
Quellen: Kliewe, H. (1965), FLI-Archiv, NDR-Dokumentation „Geheimnis Insel Riems“ (2018), MDR-Dokumentation „Die Insel der Seuchenjäger“ (2019), BStU-Archiv, FLI-Jahresbericht 2006/07, Schifffahrtsprotokolle Greifswalder Stadtarchiv (1780–1850).
Insel Riems aus der Luft
Sichtbar bei Tour U (Usedom) und Tour SZ (Stettin) — April bis Oktober ab Heliport Rügen.
Die Quellen umfassen wissenschaftliche Literatur wie Kliewe, H. (1965): 'Die militärbiologische Forschung in Deutschland 1923-1945', Archivdokumente des Friedrich-Loeffler-Instituts zur Institutsgeschichte, Zeitzeugeninterviews aus der NDR-Dokumentation 'Geheimnis Insel Riems' (2018), mündliche Berichte aus der MDR-Dokumentation 'Die Insel der Seuchenjäger' (2019), Interviews mit ehemaligen Mitarbeitern im FLI-Archiv, indirekte Hinweise in Stasi-Unterlagen (BStU), der FLI-Jahresbericht 2006/07, die ZDF-Dokumentation 'Virus-Alarm auf Riems' (2007), Aussagen von FLI-Präsident Prof. Thomas Mettenleiter, Schifffahrtsprotokolle des Greifswalder Stadtarchivs (1780-1850), den Grabungsbericht der DDR-Archäologen von 1968 (BStU-Archiv), sowie mündliche Überlieferungen von Fischern aus Lubmin (aufgezeichnet 2005).“